Mit „kunstgriff“ in die Seele der Soziokultur getaucht


Der Arbeitskreis „Soziokultur 2030 – ein Forschungsprojekt“ hat im November mit der Veranstaltung „kunstgriff“ soziokulturelle Akteure eingeladen, ihre Visionen für eine Soziokultur im Jahre 2030 zu formulieren. Die Themen der TeilnehmerInnen sollen in die Forschungsaufträge aufgenommen werden. Geleitet wurde der Workshop von der REINIGUNGSGESELLSCHAFT.

„Kamera läuft“. „Soziokultur 2030: Ingrid, die erste“. „Meine Vision für 2030 ist, dass in der Tageschau über das Begräbnis eines wichtigen soziokulturellen Akteurs berichtet wird“. „Kamera läuft“. „Soziokultur 2030: Corinne, die erste“. „Im Jahr 2030 fragt niemand mehr woher man kommt, der kulturelle Hintergrund spielt keine Rolle mehr im Miteinander.“ „Kamera läuft“. „Soziokultur 2030: Margret, die erste“. „Meine Vision für 2030 ist, dass Soziokultur Motor ist, für eine Postwachstumsgesellschaft, in der geliehen und getauscht wird. Eine Gesellschaft, die mit Energie und Ressourcen sorgfältig umgeht“.

Über 40 Akteure der Soziokultur stehen in schneller Folge im Rampenlicht beim Contest um die besten Forschungsfragen. Die Teilnehmenden übernehmen im Rotationsprinzip die verschiedenen Aufgaben eines Filmsets beim Castingshow-Contest: geben Impulse vor der Kamera, fragen nach und bewerten in der dreiköpfigen Jury, assistieren dem Kameramann oder dem Toningenieur mit der Klappe oder sind Make-up-Artists mit dickem Puderquast. JedeR VisionärIn hat eine Minute Zeit, Wünsche, Hoffnungen, Befürchtungen, seine/ihre soziokulturellen Visionen für das Jahr 2030 zu formulieren. Im Saal des Potsdamer Waschhauses herrscht eine Atmosphäre voller Energie und Erwartungen auf die Ideen und Beiträge der anderen TeilnehmerInnen und auf die Diskussionen der Jury. Die stets wechselnde Besetzung des Podiums und der ständige Blickwechsel aufgrund der neuen Aufgaben sorgen für frische Gedanken und ungewöhnlichen Austausch untereinander. Hinter der Kamera und am Ton sitzen Martin Keil und Hendrik Mayer. Die beiden Künstler sind die REINIGUNGSGESELLSCHAFT. Sie verstehen sich als Labor im Denkraum Kunst an der Schnittstelle zu anderen gesellschaftlichen Bereichen. Im Waschhaus haben sie Kamera und Ton bedient und gemeinsam mit Klaus Bieligk souverän durch den Tag geführt.

Die Forschungsgruppe Soziokultur 2030 (die drei Landesverbände Niedersachsen, Thüringen, Baden-Württemberg und das Institut für Kulturpolitik) hat gemeinsam mit der Bundesvereinigung die REINIGUNGSGESELLSCHAFT zum „kunstgriff“ eingeladen. Ziel der Veranstaltung ist, die Sichtweisen, Wünsche und Hoffnungen der soziokulturellen Akteure im Hinblick auf eine zukunftsfähige Soziokultur zu erkunden, um sie in den Kanon der Forschungsfragen einfließen zu lassen. Und da es ein weiteres Ziel der Forschungsgruppe ist, Kunst und Wissenschaft zu verknüpfen und die Forschung interdisziplinär zu denken, war die Veranstaltung auch ein Testballon – einer der hoch aufgestiegen ist. Das Einbeziehen verschiedener Kunstsparten und demokratische Strukturen sind für das Forschungsvorhaben wichtige Bausteine, und die Veranstaltung machte deutlich, dass das ein richtiger Weg ist.

Für die TeilnehmerInnen und für die Forschungsgruppe ist der Contest Überraschung und Herausforderung zugleich. Nicht an alle Themen, die zur Sprache kamen, hat die neunköpfige Forschungsgruppe bisher gedacht. Die Visionen der TeilnehmerInnen beispielsweise zur hohen medialen Präsenz oder zu nachhaltigen Strukturen oder virtuellen Welten in der Soziokultur und die vielen weiteren Denkanstöße und Perspektivenwechsel werden in das Forschungsdesign einfließen.

Noch offen ist die Frage der Finanzierung des zunächst für drei Jahre angelegten Prozesses. Martin Keil und Henrik Mayer sagten am Ende der Veranstaltung: „Für uns war es wirklich interessant. Wir durften in die Seele der Soziokultur eintauchen.“ Das war es wohl, was die Veranstaltung für alle Beteiligten zu etwas Besonderem gemacht hat. Die Forschungsgruppe nimmt den Enthusiasmus der Teilnehmenden als Auftrag, weiterhin mit neuen Formaten zu Diskussionen einzuladen.

(Autorin: Dorit Klüver, LAG Soziokultur Niedersachsen, 15.12.2014)